Heute habe ich seit 1 Jahr ein Ausbildungs- und Berufsverbot im Lehramt. Ich darf mein Referendariat im Lehramt nicht antreten, weil ich ob meiner Kritik am Kapitalismus für den „Freistaat“ als verfassungsfeindlich gelte. Ihr kennt die Geschichte. Heute ist es Zeit, mal ganz offiziell danke zu sagen. Und das mit der Riesensorge, nicht alle angemessen einbeziehen zu können – denn es gibt so viele Menschen, denen ich dankbar sein kann!

Im letzten Jahre haben viele von euch mit mir politisch gekämpft, um zu zeigen, dass Demokratie und Kapitalismus nicht dasselbe sind – sogar ganz im Gegenteil. Damit haben wir viele Leute erreicht, die wiederum schockiert von den autoritären Zuständen hierzulande sind. Das Berufsverbot ist Teil eines eigenen politischen Kampfes gegen den ungerechten Status Quo geworden. Aber ich habe hier keine politische Analyse vor, sondern einen Dankesbrief.
Ich möchte mich zuerst bei den beiden Solikreisen bedanken – von Anfang an wart ihr mit dabei! Ihr habt die Website LasstLisaLehren.de, Stellungnahmen und Klagen verfasst, Emails geschrieben, die Vernetzung vorangetrieben, mit Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit das Thema in die Gesellschaft gebracht, Unterschriften und Geld gesammelt, Ausstellungen aufgebaut, politischen Druck organisiert. Ihr habt eure verschiedenen Fähigkeiten so toll synergetisch eingesetzt und damit unglaublich viel Kommunikation mit der Öffentlichkeit ermöglicht. Und ihr habt es geschafft, dass wir politisch gerade geblieben sind, statt unter dem Druck einzuknicken und kleinbeizugeben. Ihr seid mir ein Korrektiv und nehmt mir Verantwortung ab, indem wir Dinge gemeinsam entscheiden (und bitte seid es, wenn ich Mist baue!).
Ich bedanke mich bei allen, die stundenlang mit mir telefoniert haben. Meine lieben Anwält:innen, die mich beraten, aber auch beruhigt haben, mich ins Tun gebracht und mir Neues beigebracht haben.
Die Radikalenerlass-Betroffenen und kürzlich Arbeitsrepressions-Betroffenen; durch euch habe ich mich in der Erfahrung weniger isoliert gefühlt bzw. stattdessen als Teil eines kontinuierlichen Bestrebens um Gerechtigkeit. Es ist mir eine Ehre, Menschen kennen zu dürfen, die seit Jahrzehnten nicht zu kämpfen aufgehört haben!
Bei anderen Repressionsbetroffenen mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit: es tut so gut die Erfahrungen, Ängste, Tücken und absurden Erfahrungen hinsichtlich öffentlichem Bekannter-Sein zu teilen.
Bei meinen großartigen Genoss:innen vom Antikapitalistischen Klimatreffen, die das Thema immer wieder gesetzt haben, aber mich weiterhin ganz normal behandelt haben. Die verstanden haben, dass ich zwischendurch mal weniger Verantwortung übernommen habe, aber auch für Kontinuität in meiner politischen Organisierung gesorgt haben. Die sich dadurch nicht haben beirren lassen und statt zu schrumpfen (wie übrigens ja der Rest der Klimabewegung) kontinuierlich neue Mitglieder willkommen heißen und sich selbst auch in weiteren Kämpfen engagieren. Die das Berufsverbot als etwas Politisches, aber auch etwas Persönliches verstanden haben. Und die weiterhin antikapitalistisch für Klimagerechtigkeit einstehen.
Bei meiner Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, die mit dem Rechtschutz überhaupt erst den juristischen Kampf gegen das Berufsverbot ermöglicht und die durch Veranstaltungen allgemein versucht haben, der autoritären Wende etwas entgegenzusetzen!
Bei ehemaligen Dozierenden, die mir geschrieben, für mich unterschrieben und mir klar kommuniziert haben, dass ich für den Lehrberuf durchaus geeignet bin und ich mir den Ablehnungsbescheid bloß nicht zu Herzen nehmen sollte.
Bei meinen alten und neuen Arbeitgeber:innen und Kolleg:innen, die mir angesichts dieses riesigen Lochs der Ungewissheit und Existenzangst Sicherheit, Stetigkeit und eine Perspektive gegeben haben. Gerade in den ersten Monaten war das nicht nur für meine Miete, sondern auch meine Psyche so unglaublich wichtig. Meine Vertragsverlängerung im einen Job, der offene Brief meiner Kindergarten-Eltern und das Jobangebot an meinem zweiten Job waren SO wichtig. Es ist seither kaum ein Tag vergangen, an dem ich wegen des Berufsverbots keine abstrakte Angst hatte, den Job zu verlieren und dann nie wieder einen zu finden. Ihr zeigt mir, dass diese Ängste unbegründet sind und setzt so dem Repressionsdruck etwas entgegen.
Bei den Podcaster:innen, meinem lieben Verlag oekom, vielen Journalist:innen und bundesweiten Lesungs- und Berufsverbots-Veranstaltungsorganisator:innen. Der „Freistaat“ möchte mir die Stimme nehmen und mich mundtot machen. Ihr habt mir ein Megaphon in die Hand gedrückt und so auch der Bewegung, zu deren Repräsentant:in ich gewissermaßen gemacht wurde, Sichtbarkeit und Standhaftigkeit gegeben.
Ich bedanke mich bei allen Tausenden Einzelpersonen und Hunderten Organisationen, die die Solierklärung unter LasstLisaLehren.de unterschrieben haben, bzw. allen, die in ihren Organisationen dafür gekämpft haben – mir ist schon klar, dass ich streitbar bin. Danke auch an alle, die Soli-Posts und wütende Posts verfasst haben – auch ihr habt unglaublich dazu beigetragen, dass die gesellschaftliche Ächtung nicht funktioniert und ich mich nicht so marginalisiert fühle. Danke an Menschen, die peripher unglaublich wichtige Aufgaben wie Design übernommen haben, obwohl sie gar nicht so tief in der Materie waren.
Ich bedanke mich bei allen Menschen, die mich seither kennengelernt haben, wussten, wer ich bin, aber mich erstmal als Mensch kennenlernen wollten, statt mich auf das Berufsverbot zu reduzieren. Es ist schön, nicht immer in einer Rolle stecken zu müssen und einfach Lisa sein zu können statt der Klimaaktivistin Lisa Poettinger.
Ich möchte mich aber auch gerade bei allen bedanken, die so viel Care-Arbeit geleistet haben. Privat mir nahestehende Menschen ohne politische Organisierung, aber eben auch Polit-Freund:innen. Menschen, die mich in den Arm genommen und gefragt haben, wie es mir geht, meinen Ängsten und Sorgen zugehört, meine Launen ertragen und mir auch ganz unverfangen Gemeinschaft gegeben haben. Vereinzelung ist das Schlimmste, was uns Repressions-Betroffenen wohl passieren kann – das habt ihr unterbunden. Und es ging sogar so weit, dass mir Mitbewohner in den emotionalen Löchern auch mal Haushaltsaufgaben abgenommen haben. Denn klar, die Löcher gab es auch. Andere Belastungen im Leben pausieren ja nicht, nur weil man jetzt zusätzlich noch ein Berufsverbot an der Backe hat. Aber sie haben mich nicht umgehauen, eben weil ich so viel Unterstützung hatte. Und es wird sie wieder geben, aber ich bin zuversichtlich, dass wir gemeinsam Brücken darüber schlagen werden.
Ich danke euch allen von vollem Herzen – wir lernen gerade noch, wie man sinnvoll mit so einer Situation umgehen kann und ich finde, wir machen das ziemlich toll. Ich für mich habe gelernt, dass es wichtig und wertvoll ist, sich zu trauen, aktiv nach Hilfe zu fragen, statt zu erhoffen, dass andere Gedanken lesen können 😉 und dass es gerade bei der Tendenz zum sozialen Rückzug wichtig sein kann, aktiv unter andere Leute zu gehen. Mir hat es auch total geholfen, weiterhin aktiv zu sein.
Die Klage gegen den Ablehnungsbescheid durch das Kultusministerium liegt derzeit noch unbeantwortet bei dem Münchner Verwaltungsgericht – es ist jedenfalls jetzt schon klar, dass es sich dabei eher um einen Marathon als einen Sprint handeln wird. Ich bin entschlossen, diesen Weg zu gehen und zuversichtlich. Denn derzeit kann ich sagen, dass ich durch euch auch gewissermaßen an dem Berufsverbot gewachsen bin.
Und jetzt kommt nun doch noch ein bisschen eine politische Einordnung. Das Berufsverbot hat mich von meinen Genoss:innen und unserem antikapitalistischen Kampf nicht entfremdet, sondern mich eher noch damit zusammenwachsen lassen. Es ist für mich nicht falscher, sondern geradezu notwendiger geworden, gemeinsam für globale Gerechtigkeit, einen bewohnbaren Planeten, Gesundheit, Frieden und die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse einzustehen. Anti-Repressionsarbeit ist nicht ein Zusatz zu unseren politischen Kampagnen, sondern ein eigenes politisches Feld und Teil des Aktivseins.
Der Kapitalismus brutalisiert sich derzeit, die Verhältnisse linkspolitisch aktiv zu sein werden rauer, utopische Perspektiven rücken scheinbar mehr in die Ferne. Es gilt, unsere Strukturen lebendig zu halten und die notwendigen Schritte zu gehen, auch wenn der Weg noch lange ist und sich manchmal ergebnislos anfühlt. Frei nach den Zapatistas: Unsere Kämpfe stehen in einem größeren Kontext, in einem Vermächtnis derjenigen, die für uns bessere Lebensverhältnisse erkämpft haben, obwohl sie sie selbst vielleicht nicht mehr miterlebt haben. Wir müssen Zeiten des Zweifels und des Versagens überbrücken, es wagen, Dinge auszuprobieren und Schritte in der Dunkelheit zu gehen, illusorische Sicherheiten hinter uns lassen. Der Kampf wird lebendig durch eine innere Verpflichtung, durch ein brennendes Herz, Entschlossenheit und das Vertrauen, dass die notwendigen Schritte getan werden können (selbst wenn wir mehrmals von Neuem beginnen müssen). Unser Ziel muss klar sein: Den Kapitalismus nicht länger das Leben zerstören lassen. Wir können nicht auf bessere Zeiten warten, sondern müssen sie selbst aufbauen. Und alle, die ich davor genannt habe, haben dazu schon etwas beigetragen. <3